- Zwei Modelle reißen bei Nachmessungen eigene Latte
- Ergänzt 17:00: Linke und DUH verärgert, VDA ohne Euphorie
Ein neues Institut soll mehr Transparenz über die realen Kfz-Verbrauchswerte herstellen. Das kündigte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt am Dienstagmorgen aus Anlass der Vorstellung des ersten Teilberichts zu den CO2-Nachmessungen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) an.
Das von den Herstellern mit zusammen rund 2 Mio. EUR pro Jahr finanzierte „Deutsche Institut für Verbrauchs- und Emissionsmessungen“ (DIVEM) soll für neu auf den Markt gebrachte Fahrzeuge realistische Verbrauchsspannen ermitteln und veröffentlichen. Um trotz der Finanzierung durch die Industrie das Vertrauen der Verbraucher sicherzustellen, sollen in den Gremien des als Verein konstruierten Instituts auch Umwelt- und Verbraucherschutzverbände vertreten sein und die Arbeit beaufsichtigen.
Dobrindt begründete seine Initiative damit, dass auch der neue Messzyklus WLTP Lücken aufweise, die das Vertrauen der Verbraucher in die offiziellen Herstellerangaben erneut erschüttern könne. Wenn die Industrie keinen weiteren „Shitstorm“ riskieren wolle, müsse sie jetzt eine Transparenzoffensive starten, habe er den Branchenvertretern gesagt.
Das Institut soll noch in diesem Jahr gegründet und möglichst auch arbeitsfähig werden. Bisher haben alle deutschen Hersteller – einschließlich Opel und Ford – ihre Beteiligung zugesagt. Die Beteiligung stehe aber auch ausländischen Herstellern offen. Im übrigen hoffe er, dass das Modell Nachahmer im Ausland finde. Das Bundesumweltministerium ist eingebunden.
Zwei Modelle reißen bei Nachmessungen eigene Latte
Anlass für die Initiative waren die Nachmessungen des CO2-Ausstoßes derjenigen Pkw, die bei den Messungen der Abgas-Untersuchungskommission 2016 auffällig geworden waren. Das waren 29 von 53 Modellen. Im ersten, jetzt vorgelegten Teilbericht, haben sich KBA und BMVI mit den Fahrzeugen beschäftigt, die in Deutschland typzugelassen sind oder von deutschen Herstellern stammen. Dabei bestätigte sich nur für zwei von 19 Modellen eine Überschreitung der NEFZ-Normverbrauchs. Der Smart Fourtwo habe den Normverbrauch um 4,4 Prozent überschritten, der Opel Zafira 1,6 Diesel sogar um 8,9 Prozent. Beide Fahrzeuge werden nicht mehr produziert, betroffen sind nur geringe Fahrzeugzahlen (rund 9000 bzw. 8000 Fahrzeuge).
Für den Opel Zafira steht wegen zweifelhafter NOx-Emissionstrategie noch ein Software-Update aus, das nun auch die CO2-Thematik regeln solle. Kfz-Steuernachzahlungen hätten die Halter der betroffenen Fahrzeuge nicht zu befürchten, sagte Dobrindt. Eine „erhebliche“ Abweichung liege erst bei 10 Prozent vor.
Die übrigen 17 Modelle hätten die Katalogwerte erreicht oder sogar unterschritten. Wann der Bericht für die zehn ausstehenden Modelle ausländischer Hersteller vorgelegt wird, ist noch offen.
Linke und DUH verärgert, VDA ohne Euphorie
Der Linken-Verkehrsexperte Herbert Behrens und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) reagierten verärgert. Dobrindt messe solange, bis die Ergebnisse passten, kritisierte Behrens mit Blick auf das im Bericht beschriebene CO2-Messverfahren. Jürgen Resch von der DUH sprach von einem „Gefälligkeitsgutachten“. Beide lehnten das von Dobrindt propagierte Institut ab. „Anstelle eines lobbyfinanzierten Prüfvereins oder anderer Placebo-Maßnahmen brauchen wir endlich eine von Industrie und Verkehrsministerium unabhängige Behörde für die Feldüberwachung“, sagte Behrens. Laut Resch ist die amerikanische Umweltbehörde EPA dafür ein Vorbild.
Die Autoindustrieverband VDA verteidigte den Vorschlag für ein Institut, das zusätzlich zum WLTP realistische Verbrauchsspannen ermittelt und veröffentlicht. „Damit wird den Kunden eine zusätzliche Informationsquelle zur Verfügung gestellt, die jene Lücke schließen soll, die infolge eines standardisierten, repräsentativen Prüfzyklus‘ verbleibt.“ Auch beim WLTP werden zum Beispiel Klimaanlage oder Sitzheizung nicht berücksichtigt. (roe)
Externer Link: Untersuchungsbericht zu CO2-Nachmessungen