Chance für die Elbe als digitales Testfeld Binnenschifffahrt?

Werden Elbe und Elbe-Seitenkanal zum digitalen Testfeld für die Binnenschifffahrt? Dafür werben die Beratungsunternehmen Hanseatic Transport Consultany (HTC) und ifak (Institut für Automation und Kommunikation) in einer Studie für die Länder Brandenburg, Hamburg und Sachsen-Anhalt, die der vergangenen Woche veröffentlicht wurde.

Hintergrund ist die große Sorge von HTC, dass die Binnenschifffahrt mit ihren überwiegend papier-, telefon- und faxgetriebenen Prozessen den Anschluss an die anderen Verkehrsträger verliert und zum Beispiel von den großen Seereedereien im Hinterlandverkehr des Hamburger Hafens überhaupt nicht mehr als Verkehrsträger in Betracht gezogen wird.

Richtig sei zwar, dass auf der Elbe in Sachen Binnenschifffahrt nicht viel los sei, sagte Prof. Jan Ninnemann von HTC im Gespräch mit dem Verkehrsbrief. „Aber gerade weil so wenig los ist, kann man viel mehr ausprobieren.“ Auf dem Rhein zum Beispiel könne viel mehr Verkehr in die Quere kommen.

Konkret schlagen die Gutachter vor:

  • Weiterentwicklung des vorhandenen River Information System (RIS) zu einer umfassenden Plattform für den Informationsaustausch – elektronische Gewässerkarten, Verkehrs- und Wetterlage, Pegel- und Fahrrinnentiefen, Schleusenwartezeiten. Die Anwendung sollte sowohl auf Tablet- oder Laptop-PCs sowie auf Smartphones nutzbar sein.
  • „Virtuelle Betonnung“ einer regelmäßig aktualisierten optimalen Fahrrinne, um so größere Abladetiefen über den heutigen starren „Fahrrinnenkasten“ hinaus zu ermöglichen. Um auch zwischen den Peilfahrten der WSV einen kontinuierliche Erfassung des Flussbettes zu ermöglich, wäre denkbar, „normale“ Binnenschiffe mit Peiltechnik auszustatten und mit deren Messergebnissen die Flussdaten zu aktualisieren.
  • Digitale Schleusenrangsteuerung am Elbe-Seitenkanal: Ziel ist einerseits, Wartezeiten an den Schleusen zu verringern, andererseits die Reisegeschwindigkeit der Schiffe zu optimieren - „Slow Steaming“ bei absehbarer Wartezeit an der Schleuse.
  • Vollautomatische Erfassung für die Kanalabgaben – auf ähnlicher technischer Basis wie die „E-Vignette“ für die Pkw-Maut - und für statistische Meldungen
  • Autonomes Fahren: Zum einen denkbar für einzelne Flussabschnitte oder Binnenhäfen in Anlehnung an ein belgisches Pilotprojekt, bei dem fahrerlose Kleinschiffe („Watertruck“) die Feinverteilung übernehmen sollen. Zum anderen schlagen die Gutachter eine modernisierte Schleppschifffahrt vor, bei denen die Schleppkähne ohne Personal (speziell Rudergänger) auskommen. Vorteil der Schleppschifffahrt ist, dass Schleppverbünde wesentlich geringere Ansprüche an die Fahrrinnentiefe stellen als Motorschiffe.

Technische Voraussetzung für alle Vorhaben ist aber, dass die Mobilfunk-Netzabdeckung der Wasserstraßen wesentlich verbessert wird und zumindest in den Häfen und an den WSV-Anlagen auch WLAN mit hohen Übertragungsraten bereitgestellt wird. Das deckt sich mit Forderungen aus der Binnenschifffahrt selbst. Auch der Ansatz zum besseren Management der Schleusen wird dort begrüßt.

In rechtlicher Hinsicht ist nach Einschätzung der Gutachter notwendig, in der Binnenschifffahrtsstraßenordnung den Einsatz von Automatischem Identifikationssystem (AIS) und elektronischen Wasserstraßenkarten (ECDIS) vorzuschreiben. Gegen eine intensivere Nutzung von AIS-Daten gibt es in der Branche allerdings immer wieder Bedenken, weil befürchtet wird, dass dann Kundenbeziehungen auf breiter Basis öffentlich erkennbar werden. (roe)

Externer Link: Studie Elbe 4.0 (Lang- und Kurzfassung)