Überholen ohne einzuholen: Gleich zur Brennstoffzelle durchstarten?

  • Rudert das BMWi bei E-Fuels zurück?

Die Unternehmensberatung McKinsey warnt die deutschen Autohersteller und die Politik davor, sich noch lange an den Verbrennungsmotor zu klammern. Senior Partner Andreas Cornet sagte in dieser Woche auf einer Veranstaltung des ADAC in Berlin, in China gebe es schon jetzt 61 Elektroauto-Marken. Bis 2024 werden es voraussichtlich 75 werden. Der Absatz von Elektroautos einschließlich Plug-In-Hybriden in China sei schon jetzt doppelt so hoch wie in Europa und den USA zusammen. Man müsse damit rechnen, dass die chinesischen Hersteller auch ins Ausland expandieren wollen. „Es wird noch eine Weile dauern, bis sich europäische Kunden mit chinesischen Produkten anfreunden – aber es wird nicht ewig dauern“, warnte er.

Cornet bemängelte, dass es in Deutschland kein Zielbild für die Mobilität der Jahre 2030 und 2050 gibt. Das Batterieauto würde sicherlich ein Teil davon sein, aber Brennstoffzellenauto und Mikromobilität seien derzeit in der Politik kaum ein Thema. Er warf die Frage auf, ob es im Interesse des Induistriestandorts Deutschland nicht sinnvoller sei, dass Batterieauto zu „überspringen“ und stattdessen massiv den Brennstoffzellenantrieb voranzutreiben.

ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker zeigte sich dafür offen. Der Verband mache sich Sorgen, dass sich die Gesellschaft zu sehr auf Elektroautos stürzt. Öffentliche Ladeinfrastruktur für Elektroautos sei innerstädtisch keine Lösung. Sinnvoll sei dort eher eine Änderung des Wohneigentum- und Mietrechts, um den Aufbau privater Ladeinfrastruktur zu erleichtern.

Rudert das BMWi bei E-Fuels zurück?

Eine erstaunliche Annäherung zwischen Bundeswirtschaftsministerium und Grünen war beim Thema strombasierte Kraftstoffe („E-Fuels“) zu beobachten. „Meine Einschätzung ist, dass E-Fuels als Beimischung kommen, aber nicht auf breiter Front“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Ulrich Nußbaum. Er distanzierte sich damit indirekt von der Deutschen Energie-Agentur (DENA), die zusammen mit der Autoindustrie wiederholt für einen massiven Einstieg in die E-Fuel-Erzeugung geworben hatte (siehe hier). Cem Özdemir, Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses, warnte vor der Illusion, mit E-Fuels den Verbrennungsmotor retten zu können. „Die Märkte außerhalb Deutschlands haben sich längst gegen den Verbrenner entschieden“, sagte er mit Blick auf Norwegen, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien. „Man kann die Vergangenheit nicht in die Zukunft retten.“ Er plädierte dafür, den Umbau der Autoindustrie schnell in Angriff zu nehmen, um Verwerfungen durch einen ungeordneten Ausstieg vorzubeugen. Das sei auch im Interesse der Demokratie nötig: „Für die AfD ist der Verbrenner das neue Flüchtlingsthema.“ (roe)