E-Tretroller: Probieren geht über Studieren

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Versuch macht kluch: Viel wird über E-Tretroller diskutiert, auch von jenen, die sie noch nie benutzt haben. Dem wollte ich zumindest für meine Person ein Ende machen. Am frühen Freitagabend war es soweit. Es sollte von der  Tucholskystraße (Nähe S-Bahnhof Oranienburger Straße) zum Berliner Hauptbahnhof gehen.Im Vorfeld hatte ich mich bei drei Anbietern angemeldet. Halb-positiv: Zumindest bei einem der Anbieter musste im Anmeldeprozess zur Kenntnis genommen werden, dass vorzugsweise die Radwege und nicht die Gehwege zu benutzen sind. Unverständlich - im wahrsten Sinne des Wortes - ist allerdings, dass ein Anbieter selbst bei einer deutschen Handy-Nummer nur auf Englisch kommuniziert.

Unterschiedlich gehandhabt werden No-Go-Zonen, zum Beispiel der Tiergarten: Je nach Anbieter sind sie unterschiedlich detailliert in der Karte rot markiert. Einig sind sich die Anbieter, dass E-Tretroller im Tiergarten nichts zu suchen haben (weil Kraftfahrzeuge). Ob in der No-Go-Zone per Geofencing auch der Antrieb abgeschaltet wird, habe ich nicht ausprobiert, konsequent wäre es.

Nicht bestätigen kann ich die Behauptung, Blinker seien überflüssig, weil man Handzeichen geben kann. Der Geradeauslauf ist so bescheiden, dass man immer beide Hände am Lenker braucht. Ich habe auch noch keinen Fahrer gesehen, der Handzeichen gegeben hat.

Der "Gashebel" ist extrem grobkörnig, im Grunde gibt es nur die Alternative zwischen Vollgas oder rollen lassen. Beim Bergabrollen von der Brücke am Kapelleufer hat das Biest selbsttätig gebremst (vermutlich, um nicht die maximal zulässigen 20km/h zu überschreiten), aber ruckartig. Wer da nur eine Hand am Lenker hat, fliegt auf die Schnauze.

Aus Sicht eines schnellen Radfahrers, der ich ansonsten im Alltag bin, ist das nervigste aber, dass man sich nicht nur als Verkehrshindernis fühlt - speziell in der radwegfreien Reinhardtstraße - sondern es auch ist. Mit dem Fahrrad hätte ich für die Strecke je nach Ampelstand 6-8 Minuten gebraucht, mit dem Roller waren es 11.

Immerhin: Gegenüber einem Vorserienmodell, das ich im Mai kurz testen durfte, gab es jetzt zwei Handhebelbremsen. Die kaum kalkulierbare Fußbremse ist weg.

Mein persönliches Fazit: Selbst der ÖPNV ist stressärmer und auch noch billiger - gekostet hat es 2,65 EUR für 2,3km, wobei 15 Cent/Minute plus 1 Euro Startgebühr im Vergleich zu anderen Anbietern angeblich noch günstig sind. Mit der S-Bahn hätte im konkreten Fall sogar eine Kurzstrecke gereicht (1,70 EUR), und selbst mit einer AB-Viererkarte wären es nur 2,25 EUR gewesen. Die Fahrzeit Station zu Station beträgt acht Minuten.

Mein Fazit: Niemand "braucht" E-Tretroller, jedenfalls nicht dort, wo es sie heute in Massen auszuleihen gibt - nämlich in den Innenstädten. Ob das Verleihmodell für Pendler in den Außenbezirken attraktiv werden kann, wie es einige Verfechter behaupten, darf angesichts der hohen Preise getrost bezweifelt werden. Die Mitnahme eines eigenen zusammenklappbaren E-Tretrollers im ÖPNV erscheint angesichts des hohen Gewichts von geschätzt 15kg ebenfalls unattraktiv - von den aktuell noch hohen Preisen für ein regelkonformes Fahrzeug ganz zu schweigen. (roe)