Sorgenkind öffentlicher Verkehr im ländlichen Raum

  • Rebound-Effekte durch Digitalisierung?
  • Pkw im ländlichen Raum kaum ersetzbar

Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) sieht mit gewisser Sorge das Auseinanderfallen der Daseinsvorsorge zwischen Stadt und Land im Verkehrsbereich. Das geht aus dem Raumordnungsbericht 2017 hervor. Heute leben In 68 der knapp 300 Kreise weniger als 100 Einwohner je km2. Bis 2035 könnte etwa jeder siebte westdeutsche (51) und mehr als jeder zweite ostdeutsche Kreis (42) unter dieser Schwelle sinken. Der grundgesetzliche Auftrag zur Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen gerate aber ins Rutschen, wenn sich die vorhandene Infrastruktur für die Daseinsvorsorge wegen schrumpfender kommunaler Einnahmen nicht oder nur lückenhaft aufrecht erhalten lässt.

Abwanderung und Alterung lassen den Ausbildungsverkehr – der heute die Grundlast und damit auch das finanzielle Rückgrat des öffentlichen Straßenpersonenverkehrs (ÖSPV) im ländlichen Raum darstellt – von 2010 bis 2030 um rund ein Viertel der Fahrten einbrechen. Schon jetzt könnten bundesweit über 9 Mio. Menschen kein Angebote des öffentlichen Verkehrs fußläufig erreichen oder finden nur wenige Fahrtmöglichkeiten vor. Die größten Lücken macht das BBR im Nordosten, Teilen Westniedersachsens und in Ost- und Südbayern aus.

Pkw im ländlichen Raum kaum ersetzbar

In einer umfangreichen Fahrplan- und Wegeanalyse kommt das BBR zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel der Bürger das nächstgelegene Oberzentrum mit dem Auto binnen 30 Minuten erreichen, aber nur ein Drittel mit dem ÖPNV. Ein Viertel benötige sogar mehr als eine Stunde. Im ländlichen Raum müsse fast die Hälfte der Bevölkerung mehr als 30 Minuten längere Fahrzeiten zum Oberzentrum in Kauf nehmen, wenn sie statt mit dem Auto mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist. Reisezeitunterschiede von über 60 Minuten seien für rund 10 Prozent der Bevölkerung in den dünnbesiedelten ländlichen Kreisen Realität.

Bei den im Alltag relevanteren Fahrten ins nächstgelegene Mittelzentrum – häufig eine Kreisstadt – bleibt die Fahrzeit für Autofahrer in 99 Prozent der Fälle unter 30 Minuten. Im ÖV sind es 80 Prozent. Rund 1 Prozent der Bevölkerung braucht mehr als eine Stunde. Dabei sei die regional extrem unterschiedliche Taktung des öffentlichen Verkehrs noch nicht berücksichtigt. Wegen der am Schülerverkehr orientierten Fahrpläne sei es in der Praxis bisweilen schwierig, binnen eines Tages hin und zurück zu kommen. „Für Menschen ohne Zugang zu einem Pkw sind Mobilität und die Erreichbarkeit von Einrichtungen der Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen daher heute kritisch zu bewerten“, resümieren die Autoren.

Mit Interesse beobachtet das BBR das Anfang 2016 vom BMVI in 18 Modellregionen gestartete Projekt „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“. Es hat zum Ziel, Versorgungseinrichtungen wie zum Beispiel Einkaufsmöglichkeiten mittel- bis langfristig mit Blick auf die Erreichbarkeit an möglichst günstigen Standorten zu bündeln.

Rebound-Effekte durch Digitalisierung?

Keine abschließende Meinung hat sich das BBR gebildet, wie sich die Digitalisierung auf die Mobilität auswirkt. So könne der Onlinehandel zwar einzelne Wege des Bürgers einsparen, aber zusätzlichen Liefer- und Abholverkehr (Retouren!) verursachen. Sogenannte Rebound-Effekte verursacht möglicherweise das Arbeiten im „Homeoffice“: Zeit, die nicht mehr für das Pendeln zum Arbeitsplatz benötigt wird, kann in zusätzlichen Freizeitfahrten münden. (roe)

Externe Links:

Raumordnungsbericht 2017

Projektwebsite „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“