Autonomes Fahren bringt Disruption in den ÖPNV

  • Robotaxi-Vorstufe wird bald in Deutschland getestet
  • Begünstigt Platooning kleinere Fahrzeuge?
  • ÖPNV hat Angst vor Autoindustrie – und ist zugleich Bittsteller

Platooning statt Straßenbahn, Robotaxi statt Bus: Das waren die Szenarien, das auf dem Zukunftskongress des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Berlin in der vergangenen Woche skizziert wurden. Einhelliger Tenor war, dass das hochautomatisierte und autonome Fahren auch den öffentlichen Verkehr auf der Straße massiv verändern wird – sofern Privat-Pkw oder fahrerlosen „Robotaxis“ nicht dem ÖPNV mit „großen Gefäßen“ grundsätzlich das Wasser abgraben.

Robotaxi-Vorstufe wird bald in Deutschland getestet

Diese Gefahr wird deutlich gesehen: In dem Moment, wo der Bürger die Fahrt im Privat-Pkw nicht mehr als „verlorene Zeit“ ansieht, weil er sich während der Fahrt anderen Dingen zuwenden kann, wird es der ÖPNV schwer haben, dagegen zu halten.

Auch „Robotaxis“ rücken näher: Auf den Markt zwischen klassischem ÖPNV und Privat-Pkw schielt zum Beispiel die VW-Tochter Moia. Laut Geschäftsführer Robert Henrich will das Unternehmen schon Ende 2018 im Großraum Hamburg einen Feldversuch mit 200 Fahrzeugen starten. Die Sechssitzer sollen vordefinierte Haltestellen anfahren, aber ohne Fahrplan, und im Inneren Pkw-ähnliches Ambiente und Intimsphäre anbieten. Preislich werde das Angebot zwischen Taxi und ÖPNV angesiedelt sein.

Die ausdrücklich als Vorstufe zum Robotaxi entwickelten Fahrzeuge werden im Hintergrund auch mit Technik zum hochautomatisierten Fahren ausgerüstet, damit die VW-Ingenieure aus den Unterschieden zwischen Entscheidungen eines menschlichen Fahres und der Technik lernen können. Wirtschaftlich werde ein solches Konzept wohl erst, wenn der Fahrer und damit rund 60 Prozent der Betriebskosten wegfallen, erklärte Henrich.

Begünstigt Platooning kleinere Fahrzeuge?

Einen Trend zu kleineren Fahrzeugen als Folge des hochautomatisierten Fahrens erwarten auch Karsten Lemmer vom Forschungsinstitut DLR und Alexander Hars vom Softwarehersteller Inventivio. Platooning – das virtuelle elektronische Koppeln wie derzeit schon beim Lkw erprobt - werde zum Beispiel ermöglichen, mehrere Busse zu einem „Buszug“ zusammenzuführen, prognostiziert Lemmer.

Hars erwartet, dass der Wegfall der Kosten für den Fahrer die Entscheidung zugunsten kleinerer Gefäße und kürzerer Bedienintervalle begünstigt. Große Gefäße wie zum Beispiel Straßenbahnen, die auf den Außenästen oft nur gering ausgelastet seien, würden es schwer haben, in Zukunft zu bestehen.

Kaum dauerhafte Chancen sieht er allerdings für Kleinbusse wie den „Olli“ der DB: Diese Fahrzeuge hätten aktuell ihre Berechtigung, solange vollautomatisierte Fahrzeuge noch nicht schnell fahren dürfen. Langfristig würden aber andere Konzepte gefragt sein.

ÖPNV hat Angst vor Autoindustrie – und ist zugleich Bittsteller

Martin Röhrleef von der hannoverschen Üstra, der als einer der Vordenker der Branche gilt, sieht keinen pauschalen Trend zu kleinen Fahrzeugen. „Wo viele Menschen unterwegs sind, werden große Gefäße auch in Zukunft fähig sein“, sagte er. Robotaxis oder Robobusse erleichterten aber ohne Zweifel die „letzte Meile“ speziell in den Außenbezirken.

Sorgen macht ihm eher, dass die Autoindustrie vor der Komplexität des vollautomatischen oder autonomen Fahrens in der Innenstadt kapitulieren könnte und ausgerechnet für diesen Bereich – den einzigen, der für den ÖPNV interessant ist – die Verantwortung doch an den Menschen abgibt. Ein Autobahnassistent nütze dem ÖPNV nicht, ließ Röhrleef durchblicken. Laut Lemmer sind nach heutigem Stand rund 6,2 Mio. gefahrene Kilometer notwendig, damit man einem hoch- oder vollautomatischen Fahrzeug die gleiche Sicherheit wie einem menschlichen Fahrer attestieren kann. (roe)